Complexity macht nach 23 Jahren im Esport dicht

Complexity macht nach 23 Jahren im Esport dicht

Complexity ist Geschichte.

Nach 23 Jahren hat eine der ältesten Esport-Marken Nordamerikas offiziell den Betrieb eingestellt. Eigentümer und Aushängeschild Jason Lake bestätigte die Nachricht in einem Video, das er am 23. September 2026 in den sozialen Medien veröffentlichte. Die Organisation geht nun zurück an GameSquare, das Unternehmen, dem sie gehörte, bevor Lake versuchte, die volle Kontrolle zu übernehmen.

Es ist ein leises Ende für einen Namen, der einer bestimmten Spielergeneration sehr viel bedeutet hat. Und es wirkt eher wie der letzte Schritt eines langen Rückzugs als wie ein plötzlicher Zusammenbruch.

Warum Complexity aufgibt

Der Grund ist das Geld. Laut Lake konnten er und sein Team nicht genug Kapital auftreiben, um zwei Dinge gleichzeitig zu stemmen: Complexity komplett von GameSquare zu kaufen und die Organisation auf Tier-1-Niveau konkurrenzfähig zu halten. Beides zusammen ging nicht, und offenbar ging die Rechnung nicht einmal für eines von beiden auf.

Lake wollte die Organisation nicht einfach über Nacht zerfallen lassen. Er entschied sich, sie geordnet abzuwickeln. Das ist ein kleines Detail, aber es zählt. In einer Branche, in der Teams manchmal von heute auf morgen verschwinden und Spieler wie Mitarbeiter hektisch nach Alternativen suchen müssen, ist ein geplanter Abschied zumindest die verantwortungsvollere Lösung.

Die Warnsignale gab es schon länger. Complexity zog sich im August 2025 aus Counter-Strike 2 zurück, und Lake verwies damals auf die finanzielle Belastung, die ein Tier-1-Kader in CS2 mit sich bringt. Mit dieser Sorge steht Complexity nicht allein da. Auch der Gründer von Tundra Esports äußerte vor Kurzem ähnliche Bedenken, als er sich aus der Dota-2-Szene verabschiedete.

Nach dem Ausstieg aus CS2 verschwand Complexity nicht, schrumpfte aber spürbar. In der zweiten Jahreshälfte 2025 stellte die Organisation ein Team in der NA Revival Series und behielt einen Kader in Halo Infinite. Dieser verkleinerte Betrieb war am Ende ihre letzte Form.

23 Jahre Vermächtnis

Um zu verstehen, warum dieses Aus so wichtig ist, muss man weit zurückgehen. Complexity wurde 2003 gegründet und stieg noch im selben Jahr in Counter-Strike 1.6 ein. Von da an hatte die Organisation Teams in jeder großen Version von Counter-Strike.

Mit einer bemerkenswerten Lücke. Nach dem Zusammenbruch der Championship Gaming Series im Jahr 2008 legte Complexity eine Pause in der Reihe ein. Die CGS war eine ehrgeizige Profiliga mit einem eigenen Wettbewerb in Counter-Strike: Source, und ihr Ende traf viele Organisationen hart.

Die Liste der Spieler, die für Complexity angetreten sind, liest sich wie eine Geschichte des nordamerikanischen Counter-Strike:

  • Daniel "fRoD" Montaner
  • Gabriel "FalleN" Toledo
  • Jordan "n0thing" Gilbert
  • Peter "stanislaw" Jarguz
  • William "RUSH" Wierzba
  • Jonathan "EliGE" Jablonowski

Zu einem fairen Rückblick gehört aber auch Ehrlichkeit. Complexity war oft kein beständiger Titelanwärter. Der Ruf der Organisation beruhte weniger auf einer gut gefüllten Trophäenvitrine als darauf, früh dabei gewesen zu sein, jahrzehntelang durchgehalten und das Fundament für den nordamerikanischen Esport mitgelegt zu haben. Diese Art von Einfluss ist schwer zu messen, aber sie ist real.

Wie geht es weiter?

Mit einer Rückkehr von Complexity zu Counter-Strike sollte man so bald nicht rechnen. GameSquare besitzt auch FaZe, das weiterhin in CS2 antritt. Zwei Teams im selben Spiel unter einem Eigentümer wären ein offensichtlicher Interessenkonflikt, und das macht ein Comeback von Complexity in diesem Titel mittelfristig unwahrscheinlich.

Lake selbst verschwindet dagegen nicht von der Bildfläche. Er sagt, das Aus sei nicht das Ende seiner Karriere in der Branche. Nach einem Sabbatical in diesem Jahr fühle er sich ausgeruht und erholt, und er suche jetzt nach neuen Wegen, zum Esport beizutragen. Nach mehr als zwei Jahrzehnten in der Szene wäre es überraschend, wenn er nicht woanders wieder auftauchen würde.

Das große Ganze

Für Fans des Multiplayer-Esports ist das mehr als ein sentimentaler Verlust. Es zeigt, wie schwer es inzwischen geworden ist, einen Tier-1-Kader in einem Top-Titel zu finanzieren. Bezeichnend ist, dass Complexity zuerst sein Wettkampfprogramm zurückgefahren hat und erst ein Jahr später ganz dichtgemacht hat. Zusammen mit den Aussagen des Tundra-Gründers zu seinem Abschied aus Dota 2 deutet das darauf hin, dass es nicht um eine einzelne schlecht geführte Organisation geht. Die wirtschaftlichen Bedingungen im Spitzenwettbewerb scheinen selbst bekannte Marken in die Enge zu treiben.

Auch die Rolle von GameSquare verdient Aufmerksamkeit. Wenn ein Mutterkonzern mehrere Teams besitzt, schränken die Regeln zu Interessenkonflikten in den einzelnen Spielen ein, was diese Marken tun können. Das kann einen traditionsreichen Namen still und leise aufs Abstellgleis schieben, so wie es hier offenbar passiert ist.

Offen bleibt, wohin es Lake als Nächstes zieht. Er hat davon gesprochen, auf neue Weise zum Esport beizutragen, und nicht einfach zum alten Modell zurückzukehren. Wenn das bedeutet, auf die Community zu setzen, statt allein Ergebnissen hinterherzujagen, könnte das ein aufschlussreicher Test dafür sein, ob sich eine Esport-Organisation nachhaltiger führen lässt. Vorerst bleibt das abzuwarten.