Ultiro, Rise of the Pirates, Estium Online: Neue Indie-MMOs
Nicht jedes MMO wird auf einer großen Showcase-Bühne mit Trailer und passendem Werbebudget vorgestellt.
Einige der spannendsten Projekte im Genre sind klein, mit wenig Geld gemacht und leicht zu übersehen. Oft tauchen sie als Browserspiel, als Link zu einem Spieltest oder mit einem eher leise angekündigten Early-Access-Plan auf. Diese Woche sind uns drei davon aufgefallen: Ultiro, Rise of the Pirates und Estium Online. Alle drei setzen stark auf Spieldesign der alten Schule, und bei allen dreien steht eine offene Welt im Mittelpunkt. In mindestens einem davon solltet ihr euch wohl aufs Sterben einstellen. Und zwar oft.
Ultiro: Full Loot, aber mit ein paar Leitplanken
Ultiro ist das gefährlichste Spiel der drei und macht daraus auch keinen Hehl. Es handelt sich um ein 2D-MMORPG, das im Browser läuft, und Full Loot ist die Standardregel. Stirbt eure Figur, egal wo, kann sich jeder, der zufällig vorbeikommt, an den Gegenständen in eurer Tasche bedienen. Dieses Zeitfenster bleibt 15 Minuten lang offen. Ganz schön lange, um zuzusehen, wie ein Fremder eure Habseligkeiten durchwühlt.
Es gibt allerdings eine wichtige Ausnahme: Gesegnete Gegenstände sind sicher. Alles andere ist Freiwild.
Das klingt brutal, und das ist es auch. Ein reines Jeder-gegen-jeden ist Ultiro aber trotzdem nicht. Wer PvP spielen will, muss dafür einen Knopf drücken, Kämpfe passieren euch also nicht einfach aus Versehen. Wer andere Spieler reihenweise umbringt, muss außerdem mit einer Strafe rechnen, wobei das Spiel nicht genau verrät, wie diese aussieht. Auch Neulinge bekommen etwas Luft zum Atmen: Die ersten sechs Spielstunden im Startgebiet sind sie geschützt.
Wen das alles nicht abschreckt, der kann mehr tun, als nur Hinterhalten aus dem Weg zu gehen. Ultiro bietet Bosse zum Bekämpfen und Jagden zum Abschließen, und die Charakterentwicklung kommt ohne Klassen aus, ihr seid also nicht von Anfang an auf eine einzige Rolle festgelegt. Das Spiel befindet sich gerade in einem offenen Test, wer neugierig ist, kann also direkt einsteigen.
Rise of the Pirates: Crews, Kopfgelder und Pixel-Art
Rise of the Pirates geht die Sache sanfter an, zumindest im Vergleich zu Ultiro. Es ist ein Pixel-Art-MMO mit offener Welt, und der Fortschritt hängt an der Waffenbeherrschung statt an einem klassischen Klassensystem. Je mehr ihr eine Waffe benutzt, desto stärker werdet ihr damit.
Das Zusammenspiel mit anderen ist ein wichtiger Teil des Konzepts. Spieler können Gruppen und Crews bilden, um gemeinsam gegen PvE-Gegner anzutreten, oder sich im PvP gegenseitig an die Gurgel gehen. Interessant ist dabei, wie das Spiel mit den schlimmsten Übeltätern umgeht. Auf die berüchtigtsten Spielermörder kann ein Kopfgeld ausgesetzt werden, das gesetzestreue Spieler dann einstreichen können. Eine clevere Methode, die Community für Ordnung sorgen zu lassen, ohne PvP gleich ganz zu verbieten.
Die Entwickler peilen den Early Access für das erste Quartal des Jahres an.
Estium Online: Jede Fertigkeit, eine Welt
Das letzte Spiel auf der Liste ist Estium Online, und es ist das offenkundig nostalgischste der drei. Erklärtes Ziel ist es, das Gefühl der MMORPGs aus den frühen 2000er-Jahren zurückzubringen.
Alle spielen in einer einzigen gemeinsamen offenen Welt. Es gibt keine Klassenentwicklung, und Figuren können jede Fertigkeit im Spiel erlernen, sofern ihre Spieler die nötige Zeit investieren wollen. Diese Art von Freiheit war im Genre früher gang und gäbe und ist heute deutlich seltener geworden.
Estium Online ist in erster Linie eine PvE-Sandbox und bringt die Funktionen mit, die man davon erwartet: Gruppeninhalte, Erkundung und Handwerk. Dazu kommen ein paar weniger verbreitete Ideen. Spieler können Städte voller NPCs verwalten, und wer Lust auf einen Kampf hat, kann an freundschaftlichen PvP-Duellen teilnehmen, statt seine Ausrüstung in Gefechten in der offenen Welt aufs Spiel zu setzen.
Der Early Access soll irgendwann bald starten, ein Termin wurde aber noch nicht genannt. Wer nicht warten will, kann schon jetzt an einem Spieltest teilnehmen.
Unsere Einschätzung
Auffällig an diesem Trio ist, wie sehr es nach hinten statt nach vorne blickt. Klassenlose Entwicklung, fertigkeitsbasiertes Wachstum, gemeinsame offene Welten und das Risiko von Full Loot sind allesamt Ideen, von denen sich große MMOs in den vergangenen zwei Jahrzehnten weitgehend verabschiedet haben. Dass drei kleine Projekte sie gleichzeitig aufgreifen, deutet darauf hin, dass es nach wie vor echten Bedarf an diesem älteren Spielstil gibt. Das passt zu einem größeren Trend, den wir schon länger beobachten, von MapleStorys Classic World bis zur Rückkehr von Pirates of the Burning Sea auf Steam.
Spannender ist allerdings, wie jedes Spiel versucht, die Schattenseiten dieses alten Designs in den Griff zu bekommen. Ultiro hält an Full Loot fest, ergänzt das aber um einen PvP-Knopf zum Zuschalten, Schutz für Einsteiger und Strafen für Mörder. Rise of the Pirates setzt auf Kopfgelder. Estium Online beschränkt PvP auf freundschaftliche Duelle. All das sind Versuche, die Spannung einer gefährlichen Welt zu erhalten, ohne Neulinge zu vergraulen - ein Problem, mit dem selbst etablierte Full-Loot-Spiele wie Mortal Online 2 immer wieder zu kämpfen haben.
Kleine MMOs stehen und fallen damit, ob sie sich eine stabile Spielerschaft aufbauen können, deshalb wird der nächste Schritt bei allen drei aufschlussreich sein. Es lohnt sich zu beobachten, ob der offene Test von Ultiro genug Spieler anlockt, damit die PvP-Regeln überhaupt ins Gewicht fallen, ob Estium Online seinem Early Access tatsächlich einen Termin gibt und ob Rise of the Pirates das angekündigte Zeitfenster für den Early Access einhält. Wer bereit ist, über ein paar Ecken und Kanten hinwegzusehen, sollte alle drei im Auge behalten.
